Julius Nitzsche - Bauer, Heimatfreund und Ahnenforscher

Julius Nitsche (1849 - 1929)

 Bauer, Heimatfreund und Ahnenforscher

Julius Nitsche wurde am 5. April 1849 in dem kleinen verträumten Dorfe Flemmingen im damaligen Herzogtum Sachsen-Altenburg geboren. Nahezu seine gesamte Lebenszeit seines 80-jährigen Lebens verbrachte er in Flemmingen und in der zugehörigen Region Wieratal und entwickelte eine ungemein starke Beziehung zu seiner Heimat und zu dessen Geschichte. Die wohl wichtigste Zäsur seines Lebens war seine Militärzeit, die mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs zusammenfiel. 

1869 wurde er eingezogen und 1870 nahm er am Frankreichfeldzug teil. Von der danach einsetzenden nationalistischen Welle wurde auch er erfasst und schon 1871 gründete er nach seiner Rückkehr aus dem Krieg den Militärverein Flemmingen, dem er 50 Jahre angehörte. Mit der deutschen Reichsgründung kam es zu einer geschichtlichen Rückbesinnung vieler Deutscher und Julius Nitsche beschäftigte sich intensiv mit diesen Vorgängen, wobei er wohl über diesen Weg zur Heimatgeschichte fand. Mangels anderer Möglichkeiten musste er sich bei seinen Forschungen vorerst auf das heimatliche Pfarrarchiv beschränken. Gesammelt wurde alles von heimatgeschichtlichem Belang, wie Zeitungsausschnitte,Tagebuchaufzeichnungen, alte Urkunden und Fotos. Besonders eifrig erwies er sich im Aufstellen von Familienstammtafeln, deren Daten hauptsächlich aus den Kirchenbüchern des Wieratales stammen, die teilweise bis 1580 zurückgehen.

 

Die so entstandenen Ahnentafeln waren auf männliche Namensgeber und besonders auf Bauerngutbesitzer und derenNachfolger fixiert. Erleichtert wurde diese chronologische Aufzählung durch ebenbürtiges Heiraten und dessen regionale Begrenztheit (90 % der Paare fanden sich im Umkreis von 10 km). Ca. 300 Ahnentafeln gehen auf die direkte Autorenschaft von Julius Nitsche zurück und an ca. 100 hat er mitgewirkt, bzw. hat sein Freund und Mitstreiter im Heimatverein, Albin Vogel aus Heiersdorf, erstellt. Die meisten dieser Familien-Stammtafeln beginnen mit den Kirchenbüchern um 1580, wenige reichen bis um 1520 mit lückenhaften Daten zurück und enden mit den

Zeitgenossen von Julius (letzte Geburtseintragungen um 1925). Der eigene Stammbaum beginnt 1510 und endet mit den Geburten der Enkel Ewald (*1910) und der Enkelin Ella (1911). Viele dieser Stammtafeln (ca. 200) liegen in gedruckter Form vor. Von begüterten Bauernfamilien wurde der Druck finanziert und bei festlichen Anlässen wie Silber- und Goldenen Hochzeiten an die Verwandtschaft verschenkt und ausgetauscht. So finden sich noch heute kleinere Sammlungen dieser Stammbäume in Privathand. Ein größerer Bestand befindet sich seit Auflösung des Heimatmuseums Frohnsdorf 1928 mit Entwürfen und Notizen im Staatsarchiv Altenburg. Zur Vervollständigung seiner Stammtafeln verwendete er auch alte Gerichts-, Steuer- und Grundbuchakten und besonders Lehensurkunden (Gutüberlassungsurkunden), die zu seiner Zeit noch häufig bei den Bauernhofbesitzern vorhanden waren, und die ihm bereitwillig zur Verfügung gestellt wurden. Schwierig und von ihm oft beklagt war der Umgang mit Behörden zur Erlangung von Informationen. Auch blieb ihm die Anerkennung anderer Heimat- 

und Ahnenforscher aus den Reihen des Bildungsbürgertums lange versagt.

Seiner Tätigkeit als Bauer waren enge Grenzen gesetzt, da das 1876 vom Vater Melchior übernommene Handgut nur 10 ha hielt.  Im Jahr der Gutübernahme heiratete er Lina, die Tochter des Guts- und Ziegeleibesitzers Carl Werner aus Flemmingen und verbesserte damit seine wirtschaftliche Lage entscheidend. Dem Paar wurden 12 Kinder geboren, wobei aber nur 6 das Erwachsenenalter erreichten. Ein besonders schmerzliches Erlebnis für Julius  war der Tod seines Sohnes Walter am 16.2.1915 in der Masurenschlacht. Die deutsche Niederlage im 1.Weltkrieg war dann für ihn auch eine persönliche Katastrophe, weil sich damit auch dieser Opfertod als sinnlos erwies. 1910 übergab er sein Bauerngut seinem Sohn Emil und die gewonnene Freizeit nutzte er verstärkt für seine heimatkundlichen Forschungen, auch trat er jetzt mit seinen Kenntnissen in der Öffentlichkeit auf. Dieses Auftreten im reifen Alter brachte ihm den Beinamen ,,Altvater“ ein. 1912 gründete er mit Albin Vogel und Theodor Weber aus Frohnsdorf in dessen Haus, einer damaligen Gastwirtschaft, in vier Räumen des Obergeschosses das

Heimatmuseum Frohnsdorf. 

Eine Fülle von heimatgeschichtlichen Materialien wurde hier in den folgenden Jahren zusammengetragen - Bücher, Stammbäume, Tagebücher, Bilder und Fotos, alte bäuerliche Gerätschaften undTrachten, ja sogar steinzeitliche Bodenfunde aus dem Wieratal. Mit diesem Regionalmuseum wollte der Altvater sein Lebenswerk krönen, im Kleinen und auf dem Heimatgeschichtssektor etwas schaffen, was Lindenau im Großen auf dem Kunstsektor geschaffen hatte. Doch Gott Mammon wollte es anders. Theodor Weber erlag der Versuchung und verkaufte die Sammlung an das Schlossmuseum Altenburg ohne Wissen und Billigung von Julius Nitsche 1928, ein Jahr vor seinem Ableben war dies ein weiterer schwerer Schicksalsschlag. Trotz allem ist zu resümieren,überwiegen die Erfolge. Noch 1926 begründete er den Nietsche-Nitsche-Familienverband mit. Neben seiner Stammbaumforschung ist wohl die Erstellung der Chronik Flemmingen als sein Lebenswerk anzusehen. Diese Chronik umfasste 860 Seiten in 8 Bänden und beschrieb nicht  nur die historischen Besonderheiten Flemmingens, sondern auch alle diesbezüglichen Ereignisse in den umliegenden Dörfern.

 

Leider ging sie kurz nach Ende des 2.Weltkrieges durch Beschlagnahme des Hauses, in dem sie sich befand, verloren. Da aber viele Kopien einzelner Seiten durch Abschriften, besonders durch den Heimatforscher Kuno Apel, existieren, wäre eine Rekonstruktion wohl möglich.

Julius Nitsche starb am 8. Juni 1929 an Lungenentzündung, seine Beisetzung fand unter allgemeiner Beteiligung der Bevölkerung statt und zeigte seine große Beliebtheit und Bekanntheit. Für seine Verdienste um die Heimatforschung erhielt er 1925 eine Ehrenurkunde mit Ehrengabe und zu seinem 80. Geburtstag Glückwünsche vom Reichspräsidenten Hindenburg für seine Kriegsteilnahme 1870/71. Als er starb, war am politischen Horizont das Wetterleuchten des Nazismus zu sehen. Stellungnahmen dazu kennen wir von Julius Nitsche nicht, auch keine antisemitischen Äußerungen, unstrittig ist, dass er wie viele Deutsche gegen den Versailler Vertrag war. Sein Sohn Emil Nitsche schlug als Ortsgruppenleiter der NSDAP einen Weg ein, der für Deutschland katastrophal war und 1945 in der Katastrophe endete.

 

Zeit seines Lebens hat Julius Nitsche Ahnenforschung und Ahnenehrung gepredigt; dass kurz nach seinem Ableben der Ahnenpass zur Pflicht wurde und mitunter das Überleben von seinen Eintragungen abhängig war, hätte er nicht gewollt. Der Heimatverein Göpfersdorf sieht sich als Bewahrer und Fortführer des Lebenswerkes von Julius Nitsche – Bewahrung und Erforschung bäuerlichen Brauchtums und Lebensweise – Ahnenehrung und Achtung – kein Ahnenkult!

Stefan Petzold, Ortschronist