Albin Vogel - Landwirt und Familienforscher des Wieratales

 

Albin Vogel (1864 - 1927)

Landwirt und Familienforscher des Wieratales

Im östlichsten Zipfel des Altenburger Landes, jenseits der Leinawaldung, liegt fern von allem Großstadtgetriebe still und friedlich das schöne Wieratal. Das Flüsschen gleichen Namens hat unweit Oberwiera seine Quelle und wendet sich in munterem Laufe, zahlreiche Windungen bildend, nordwärts der Pleiße zu. Und wenn der Frühling seinen Einzug hält, dann leuchten die Wiesenauen der Wiera von bunten Blumen in heller Pracht, und zur Sommerzeit reift auf den Feldern und in den Gärten der Früchte Segen. Ein kerndeutscher Bauernschlag wohnt in den Dörfern und schafft mit der Hände Fleiß. Hier schlägt in alter guter Treue der biedren Männer Herz, hier drückt man sich stets aufs Neue die Hand in Freud’ und Schmerz, ja Glaub’ und Lieb’ ist hier zu Hause. In diesem Tal liegt auch das Dörfchen Heiersdorf, wo der Landwirt und

Familienforscher Albin Vogel ein Leben voll Schaffensfreude und Bescheidenheit vollbrachte.

Er war der Sohn des Gutsbesitzers Jacob Vogel und dessen Frau Ernestine geborene Quellmalz aus Göpfersdorf und wurde am 13. Mai 1864 geboren. Als einziger Sohn übernahm er das väterliche Gut. Sein Fleiß brachte ihn zu Wohlstand und Ansehen. Häuslichkeit und Viehstand waren vorbildlich. So züchtete er als erster mit einem reinfarbigen rassigen Rindviehschlag. Nebenbei betrieb er die Imkerei in großem Stile, hatte sich hinter seinem Gut ein praktisches und farbenprächtiges Bienenhaus erbauen lassen und war jederzeit gern bereit, Fremden und Schulen die Wohnung seiner fleißigen Honigträger zu zeigen. Er erzählte von seinen Imkererfahrungen, wusste Ratschläge mitzuteilen

und schilderte die Arbeitsweise und Kunstfertigkeit der Bienen. Gegen Ende des Krieges, zur Zeit der Zwangswirtschaft, war Albin Vogel mit Gutsbesitzer Berger aus Runsdorf amtlich tätig bei der Beschlagnahme des Viehs. Bei dieser Arbeit hatte er Gelegenheit, auch nach Flemmingen zu kommen, das, etwa eine Stunde nordöstlich von Heiersdorf gelegen, er sonst noch wenig kannte. Als er beim Landwirt Emil Nitsche Vieh anschnitt, wurde er aufmerksam auf die familiengeschichtliche Tätigkeit von Altvater Julius Nitsche - so wurde er liebevoll genannt. Schon diese kurze Einsichtnahme genügte, um ihn an den Flemminger Altvater für immer zu fesseln. Er kam wieder, lernte, studierte beim Altvater, wie man Familienforschung betreibt, und wurde noch als ein fast Sechzigjähriger einer seiner eifrigsten Schüler. Durch seine leichte Auffassungsgabe und das gute Gedächtnis waren seine Fortschritte erstaunlich. In der freien Zeit, deren er sich als Gutsauszügler erfreute, gab er sich nun vor allen Dingen der Familienforschung hin, wenn er auch die Beschäftigung mit seinen ihm lieb gewordenen Bienenvölkern nicht unterließ. Der Stamm Vogel sollte eine der ersten Urkundfamilien mit sein, welche er bearbeitete und in Druck gab. Danach erforschte er die Familien seines Heimatortes Heiersdorf. Auf seine Veranlassung hin konnte er dort 27 Familienstammbäume liefern. Zu diesem Zweck musste er oft im Pfarrarchiv Niederwiera sein, um das nötige Material zu sammeln. Außerdem arbeitete er des öfteren in den Archiven Ziegelheim, Oberwiera, Tettau, Schönberg, Gieba; vorübergehend war er in Wolperndorf, Lohma, Ehrenhain, Langenleuba-Niederhain, Altenburg und anderen Orten. Die Früchte dieser jahrelangen emsigen Forscherarbeit in den Kirchenarchiven sind nicht ausgeblieben. Zahlreiche Stammbäume aus allen Dörfern des Wieratales und den Grenzdörfern des benachbarten Sachsen werden auch noch

in Zukunft Zeugnis ablegen von dem zähen Forscherfleiß des Bauern Albin Vogel. Bedauerlicherweise sind von diesen Stammtafeln nur 15 im Druck erschienen. Vertiefung und Unterstützung fand Albin Vogel jederzeit im „Verein für Heimat- und Familienforschung Flemmingen“, in dem er Mitglied des Vorstandes war. Zur Generalversammlung zu den Vierteljahressitzungen war er ständiger Gast und fehlte nicht bei heimatkundlichen Fahrten und Studienreisen. Jahrelange Freundschaft verband ihn bis zum Tode mit dem Inhaber des Frohnsdorfer Heimatmuseums, Herrn Theodor Weber. Er war ja neben dem Altvater Mitbegründer dieses Museums und lieferte als erster, wertvollen Familienbesitz dorthin. Besondere Anerkennung verdient der Familienforscher Albin Vogel mit seiner Arbeit auch deshalb, weil er gerade das letzte Jahrzehnt seines Lebens fortwährend mit einer tückischen Krankheit zu kämpfen hatte.

Am 21. Mai 1927 endete nach verhältnismäßig kurzem Krankenlager sein arbeitsreiches Leben, es hatte dem Schicksal eben erst 63 Jahre abgetrotzt. Vieles blieb unvollendet, was er sich alles noch vorgenommen, und viele werden seine Arbeit vermissen. Unter seinem Nachlass ist neben seinen zahlreichen Stammtafeln die unvollendete „Dorfchronik Heiersdorf“ zu erwähnen. So ist er mit Recht als der Familienforscher des Wieratals zu bezeichnen. Sein zurückgezogenes Leben, seine allzu große Bescheidenheit haben ihn nur wenig an die Öffentlichkeit treten lassen. Dennoch war er ein Mann voller Gründlichkeit in all seinem Schaffen, ein edler Charakter mit einem warmen Gemüt für tiefere geistige Dinge und einem Herz voll Vaterlandsliebe. Er ist dem Wieratal zu früh genommen worden, um einzugehen zu den Vätern. Nun deckt ihn still die Heimaterde zu. Doch seine Arbeit lebt noch heute fort. Sie ist das bleibende Denkmal für zukünftige Geschlechter. Altvater Nitsche widmete seinem Freund und Schüler in einem Nachruf folgende Worte:

Du hast uns nun verlassen, wir können es kaum fassen!

Lebst doch mit uns noch fort, hier ist nicht unser Ort.

In jenen goldnen Höh’n, das rechte Wiedersehen.

Du hast dir selbst gewunden, in stillen Arbeitsstunden

Den schönsten Heimatkranz, dem Wieratal zum Glanz.

Wer mochte Dir auch wehren, ‚s galt andere zu ehren.

Als Du schon littest Qual, schriebst noch fürs Wieratal

Nun bist Du heimgegangen, wir werden oft noch bangen,

Denn Deine Arbeitskraft ist nun für uns erschlafft.

Wer könnte Dich auch ersetzen, Dich lieben, den wir schätzen?

Kein Mann im Wieratal, obgleich der großen Zahl.

Oft warst Du uns Berater wie ein Familienvater:

Nun vor uns gangen her, hab Dank, uns warst Du mehr!

Kurt Thieme, Lehrer in Flemmingen

 

Aus: „Sachsen-Altenburgischer vaterländischer Geschichts- und Hauskalender auf das Jahr 1929“, Seiten 184/85